Vortrag und Diskussion mit Freerk Huisken im Audimax

Am Dienstag 17.11. fand eine Diskussion statt, die bei Radio Orange abrufbar ist.

1. Teil:
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2. Teil:
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12 Antworten auf „Vortrag und Diskussion mit Freerk Huisken im Audimax“


  1. 1 pyrx 23. November 2009 um 14:34 Uhr

    so, ich hab mir den vortrag angehört und er gefällt mir nicht schlecht. dennoch hätte ich schon einige kritikpunkte – die ich hier nicht ausführen, sondern nur anreissen kann. vielleicht können wir das ja diskutieren.

    - der „harte“ objektivismus der argumentation. es wird hinsichtlich des wissensgenerierungsprozesses ganz scharf zwischen objektiv „falschem“ und „wahrem“ wissen unterschieden (wenn ich mich richtig erinnere, auch im referat von franz beim workshop). die performativen aspekte wissenschaftlicher produktion, mithin die tatsache, dass sich im prozess der wissenschaft die erkenntnisobjekte selbst erst herstellen, wird hier völlig ausgeblendet.

    - die frontale form & der ökonomismus des vortrags: m.e. verträgt sich eine grundsätzliche kritik der gesellschaftlichen rolle der uni schlecht bis gar nicht mit der frontalen form des vortrags sowie mit der völligen ignoranz hinsichtlich den sexistischen und rassistischen aspekten der gesellschaftlichen arbeitsteilung. ausserdem – das ist aber mein grundsätzliches problem mit der gegenstandpunkt-form – finde ich nicht, dass die form der belehrung besonders geeignet ist, breitere und offene diskussionen anzustossen.

    - der vortrag ist mir „zu eindeutig“, ja nahezu etwas ahistorisch bezüglich der veränderungen der arbeitsteilung / der rolle der uni in der gesellschaft: die phänomene der prekarisierung von studierenden (die nebenbei mehrheitlich lohnarbeiten müssen) und lehrenden (viele der externen lektorInnen sind nicht einmal die von huisken angesprochene sub-elite, und das obwohl sie ihre abschlüsse zum teil lange vor einführung des bachelor-studiums gemacht haben).

    hinter all diesen punkten liegt wohl auch ein „gegenstandpunkt-problem“, nämlich der ganz strenge und homogene FUNKTIONALISMUS, über dem alles und jedes erklärt wird – als ob es keine widersprüche unter den herrschenden gäbe, kein „muddling through“, kein ständiges scheitern herrschaftlicher zugriffe dank der widerständigkeit vieler menschen u.s.w. daraus resultiert m.e. notwendiger weise eine „ganz oder gar nicht“ haltung, wobei das ganz, also wohl die revolution aus der einsicht der subjekte in die notwendigkeit ebenjener (der revolution) resultiert. das ist mir zu „modern“, wenn mensch so will …

    wie gesagt, nur angerissen …
    lg
    pyrx

  2. 2 Neoprene 23. November 2009 um 15:20 Uhr

    Das glaube ich schon auch, daß den allermeisten Unileuten, Studis wie Lehrpersonal, der „harte Objektivismus“ von Freerk Huisken nicht schmeckt, der Falsches „ganz einfach“ (also regelmäßig begründet) auch klipp und klar als Solches charakterisiert. Da kommen dann gerne wie hier leider auch solche Allgemeinpläzchen wie „die performativen aspekte wissenschaftlicher produktion, mithin die tatsache, dass sich im prozess der wissenschaft die erkenntnisobjekte selbst erst herstellen, wird hier völlig ausgeblendet“. Daß im Bildungsbereich ganz handfest von Staat und Einrichtungen und deren Personal nicht nur „erkenntnisobjekte“ hersgestellt werden, sondern von falschem Bewußtsein (der „Dummheit“, von der Freerk Huisken bewußt provokant redet) bis hin zur „Klassenlage“ durch die Selektion, das wollen viele nicht hören und nicht wahrhaben. Und das sind keine Ergebnisse des „Prozesses der Wissenschaft“, das ist einfach dem durch und durch kapitalistischen Zweck der ganzen Veranstaltung geschuldet.

    Ja, ja, der gute alte Frontalunterricht! Als wenn es irgendwas, was ein Referent vorträgt, richtiger macht, wenn er es in 5-Minuten-Häppchen unters geneigte Publikum streut. Gerade weil Freerk Huisken in der Tat eine „grundsätzliche kritik der gesellschaftlichen rolle der uni“ vortragen wollte, und er, Pädagoge, der er ja auch ist bzw war, das alles begründet hat, was er an strammen Thesen den Studis und Lehrern an den Kopf geworfen hat, ist wieder mal mehr als eine Stunde ins Land gegangen. Ohne die relativ umfangreichen Ausführungen wäre das übrigens gar keine „Belehrung“ geworden, sondern nur eine Aneinandereihung von Thesen. Sowas mag zwar „breitere und offene diskussionen“ anstoßen, ob es aber zur inhaltlichen Klärung beiträgt, wage ich doch zu bezweifeln.

    Das glaube ich nun auch wieder, daß manchem der Zuhörer die Philippika von Huisken zu „eindeutig“ gewesen ist. So wollte der das wohl auch rüberbringen. Dieses typisch universitäre nach allen Seiten argumentativ offen zu sein, bescheiden die Vorläufigkeit und Begrenztheit des eigenen „Ansatzes“ zu betonen, daß geht dem Manne völlig ab, das gebe ich zu.

    Daß die Prekarisierung von ihm nicht stärker betont wurde, obwohl dazu ja schon einiges Grundsätzliches gesagt wurde, scheint mir mehr als angebracht aangesichts der tiefsitzenden Überzeugung seines Publikums, sich sein schönes Lehrertum nicht madig machen lassen z uwollen.

    Wie schön wäre es, wenn es unter den Lehrenden und Studierenden mehr „Widerständigkeit“ gäbe, gerade bei den Bildungsstreik-Bewegten kann ich das leider so gut wie überhaupt nicht feststellen.

    „Wie gesagt, nur angerissen…“

  3. 3 thema verfehlt 23. November 2009 um 16:15 Uhr

    Da kommen dann gerne wie hier leider auch solche Allgemeinpläzchen wie „die performativen aspekte wissenschaftlicher produktion, mithin die tatsache, dass sich im prozess der wissenschaft die erkenntnisobjekte selbst erst herstellen, wird hier völlig ausgeblendet“. Daß im Bildungsbereich ganz handfest von Staat und Einrichtungen und deren Personal nicht nur „erkenntnisobjekte“ hersgestellt werden, sondern von falschem Bewußtsein (der „Dummheit“, von der Freerk Huisken bewußt provokant redet) bis hin zur „Klassenlage“ durch die Selektion, das wollen viele nicht hören und nicht wahrhaben.

    der kommentar vor dir mein was anderes, wenn ich den/die verfasser/in verstehe. erkenntnistheorie. ob er/sie das andere bestreitet oder „nicht wahrhaben will“: glaube ich nicht, weiß ich aber nicht, weil man es nicht wissen kann nach dem beitrag.

  4. 4 thema verfehlt 23. November 2009 um 16:19 Uhr

    „pyrx“ hat diesbezüglich auch recht. ansonsten sollte man schlüssig darlegen können, wieso immer noch geforscht wird – und vor allem: geforscht werden muss. fans des gegenstandpunktverlags finden das spätestens wenn es um naturwissenschaft doch auch in ordnung. weil die naturwissenschaft ist doch richtige wissenschaft. ;)

  5. 5 Neoprene 23. November 2009 um 16:45 Uhr

    In der Tat, Naturwissenschaften sind selbst im Kapitalismus schon weitgehend „richtige“ Wissenschaft, jedenfalls da wo damit in der täglichen Lebens- und Arbeitswelt was Vernünftiges „Stimmiges“ bei rum kommen soll, Die Aerodynamik eines neuen Verkehrsflugzeugs muß richtig berechnet sein, damit das Teil wirklich energieeffizienter Fliegen kann, z.B. Daß übrigens noch viel mehr geforscht werden „müßte“, wenn es wirklich um die Beseitigung schlimmer Wissenslücken gehen würde (was es in dieser Gesellschaft ja offensichtlich gar nicht geht), liegt auch auf der Hand. Nur, wenn mit diesem Wissen hinterher kein Geld verdient werden kann, dann interessiert sich dafür eben auch vorher schon kein Wissenschaftler, der genügend Sorgen hat, die nötigen Drittmittel einzuwerben.)

    Aber was hat z.B. Lehrerausbildung mit Wissenschaft zu tun?? Und um die Studierenden, die da drin sind, ging es mir in erster Linie mit meiner Einschätzung, daß über das, was Freerk Huisken ihnen zu sagen hatte, gilt, das „wollen viele nicht hören und nicht wahrhaben“.

  6. 6 thema verfehlt 23. November 2009 um 16:57 Uhr

    Aber was hat z.B. Lehrerausbildung mit Wissenschaft zu tun??

    nicht das geringste.

  7. 7 Slow Glass 23. November 2009 um 18:10 Uhr

    @pyrx: Wann hat es denn zletzt an der Wiener Uni überhaupt den Standpunkt gegeben, wissenschaftliche Argumente zu kritisieren oder über Wahrheit und Falschheit zu streiten? Wir wissen doch schon längst: Anything goes! Insoferne hatte der Huiskens Vortrag doch Seltenheitswert!

    Dass sich die Erkenntnisobjekte im Zuge der Wissenschaftsproduktion selber herstellen ist entweder eine Banalität (Adorno spottete schon über die Widerspiegelungstheorie sie gehe davon aus dass die Materie kleine Bildchen von sich ausschicke, um zu illustrieren, dass Wissenschaft ganz und gar subjektive Aktivität ist, die aber Objektivität zum Ziel hat) oder es ist eine sehr eigentümliche Aussage bezüglich des Verhältnisses von Wissenschaft und Realität. Das Konstruieren von Wissenschaft ist doch allemal ein Rekostruieren der Ursachen, die die Erfahrungen hervorbringen. Insoferne werden die „Erkenntnisobjekte“ doch etwas mit der Realität zu tun haben, und eine Wissenschaft die das in Abrede stellt („Wir bauen nur Modelle“, „Wir stellen nur Hypothesen auf“, „Wir generieren mögliche Deutungen“) ist in sich widersprüchlich. Sollten die Studenten die sich vielleicht auf die Suche nach dem Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gemacht haben nicht auf diesen Widerspruch aufmerksam gemacht werden? Ist es denn so verkehrt die These aufzustellen dass nur ein Denken, das längst schon einer gesellschaftlichen Funktion unterworfen ist, auf eine solche prinzipielle Verzichtserklärung sich einlässt?

    Dass die Studenten zunehmend lohnabhängig und proletarisiert werden ist irgendwie richtig, mit dem Bachelor wird ein lowcost-Akademiker-Segment geschaffen, dassich wohl auch im Berufsleben einiger Privilegien weniger erfreuen darf. Aber begründet das schon eine politische Perspektive? Ist nicht nach wie vor die Ausbildung die tragende Grundlage für die Zuteilung auf die Hierarchie der Berufe? Und ist „Bildung“ nicht ein sehr schönfärberischer Begriff dafür, dass nur in den oberen Chargen dieser Hierarchie ein mehr als sparsamer Zugang zum Wissen erlaubt und gefragt ist? Ist das nicht wie Huisken zeigen wollte die Geschäftsgrundlage, dass der Studentenprotest von weiten Teilen der Öffentlichkeit unglaublich milde und wohlwollend gesehen wird?

    Dass der Staat ewig an der Bildung rumreformiert, dass er die Reform schon wieder reformieren muss, dass die Bachelor – Idee einer Berufsqualifikation für Berufe die noch gar nicht existieren ein ziemlich brutaler Idealismus ist, all das ist Material und Alltag der Politik. „Muddling through“ gibt es nicht einfach wegen der „Widerständigkeit vieler Menschen“, sondern weil das, was da „geregelt“ wird, sich einfach nicht regeln lässt. Man kann über die „Gegenstandpunkt-Schnoddrigkeit“ durchaus verschiedener Auffassung sein, und sich auch manchmal zu Tod ärgern über dieses „Was wollt Ihr denn der Kapitalismus funktioniert doch prächtig, also seid gefälligst gegen ihn“. Dann sollte aber auch der Nachvollzug der eigentümlichen Verkehrungen, die ständig Kalkulationen der Herrschenden und Beherrschten gleichertmassen scheitern lassen, der Ausgangspunkt sein und nicht das Schulterklopfen an die letzteren.

  8. 8 thema verfehlt 23. November 2009 um 21:30 Uhr

    „Wir stellen nur Hypothesen auf“

    an was werden die getestet?

  9. 9 thema verfehlt 23. November 2009 um 21:33 Uhr

    die naturwissenschaft kommt mithilfe des hypothesenaufstellens und -widerlegens ausgezeichnet vorwärts.

  10. 10 thema verfehlt 23. November 2009 um 21:35 Uhr

    also bitte einfach mal auf das blöde NUR verzichten. das sind wissenschafter, die sich auf die realität beziehen und systematisch forschen. MIT HYPOTHESEN! ohne nur.

  11. 11 Slow Glass 23. November 2009 um 22:45 Uhr
  12. 12 martina middeldorf 22. Februar 2012 um 11:03 Uhr

    Schon etwas her, bin aber erst jetzt darauf gestossen. Passt allerdings durch die zeitliche Verzögerung auch wieder ganz gut.

    […Aber was hat z.B. Lehrerausbildung mit Wissenschaft zu tun??

    nicht das geringste.…]

    Wo und von wem werden und wurden denn die Wissenschaftler ausgebildet?

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