JENSEITS VON HUMBOLDT. Von der kritik der Universität zur globalen Solidarischen Ökonomie des Wissens. Textsammlung, Wien 2009: http://massenuni.blogsport.de/images/humbold_endversion.pdf
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Impulstexte des Workshops „Vom Uniprotest zur Solidarischen Ökonomie der Bildung“ am 15.10.09 im besetzten Audimax der Universität Wien:

Brigitte Kratzwald: Was heißt solidarische Ökonomie der Universität?

Bedeutung der Universität in der kapitalistischen Gesellschaft

Universität ist ein Ort der Wahrheitsproduktion und der Ort der Produktion wissenschaftlicher Eliten. Macht spielt eine wichtige Rolle für Durchsetzung hegemonialen Wissens = Wahrheit, Wissenschaftler haben in unsere Gesellschaft die Hoheit über die Definitionsmacht. Universität ist also ein Ort, der für die Reproduktion von Machtverhältnissen eine zentrale Funktion hat.
(Die Bezeichnung von Uni als Ort des Wissens bei Markus ist mir zu allgemein, erfasst diese Bedeutungen nicht adäquat).

Kapitalistische Produktionsverhältnisse spielen für beide „Produkte“ (gesellschaftlich gültiges Wissen, hoch qualifizierte ExpertInnen für die Anwendung dieses Wissens, allerdings ohne Kritikfähigkeit) eine Rolle.
Einerseits werden Gesellschaft als Forschungsobjekt und Wissenschaftler als Forschungssubjekte voneinander getrennt,
andererseits werden die Orte der Wissensproduktion und der Anwendung voneinander getrennt,
innerhalb der Universitäten werden hierarchische Beziehungen hergestellt, zwischen jenen, die Wissen haben und jenen, die es erwerben müssen.
Es wird eine Kundenbeziehung zwischen Wissenschaft, die Wissen produziert und Politik und Wirtschaft, die Wissen konsumieren konstruiert, sowie eine Kundenbeziehung zwischen Lehrenden, die Wissen besitzen und Studierenden, die dieses konsumieren um damit ihr Humankapital zu erhöhen. Diese verschleiert die Machtverhältnisse bei der Produktion von Wissen und setzt ein bestimmtes Wissen als Wahrheit absolut, die noch dazu den Charakter einer Ware annimmt.

In Universitäten wird aber nicht nur der Inhalt des Wissens, also was in einer Gesellschaft jeweils als wahres Wissen gilt, definiert, sondern auch mit welchen Methoden es gewonnen wird, sie haben auch die Definitionsmacht über die Möglichkeit der Erkenntnisse. Das führt zu der Annahme, es gäbe ein objektives Wissen über die Gesellschaft, wodurch die Interessensgeleitetheit von Forschung und die Verwertungszusammenhänge verschleiert werden. Die Besonderheit universitären Wissens gegenüber Praxiswissen besteht also weniger in den Inhalten, sondern in den spezifischen Methoden der Produktion, die auch als Argument für dessen Überlegenheit benutzt wird.

Eine solidarische Ökonomie der Universität müsste sich also auf zwei Ebenen äußern:

In den inneren Strukturen:
Enthierarchisierung,
Zusammenfallen von Forschung, Lehren und Lernen.
Wissensproduktion als Aneignungsprozess der Studierenden.
Reflexion des Prozesses der Wissensgewinnung, der forschungsleitenden Interessen – Was bedeutet Freiheit von Forschung und Lehre?
Bewusstheit der Tatsache, dass das Ergebnis der Forschung von der Methode abhängt, dass also die Gegenstände der Forschung im Forschungsprozess erst konstruiert werden, das bedeutet auch eine Verantwortung für die Verwertbarkeit des Wissens
Bewusstheit der Tatsache, dass es keine objektive Wahrheit gibt, daher spielt Kritik eine bedeutende Rolle in der Forschung und Lehre
Eine solidarische Universität ist interdisziplinär und transdisziplinär

Nach Außen
Aufheben der Trennung von Forschungssubjekt und Forschungsobjekt durch entsprechende Forschungsmethoden (z.B. Aktionsforschung)
Aufgabe der Wissenschaft ist die Veränderung von Gesellschaft zum Vorteil benachteiligter Gruppen gemeinsam mit diesen
Integration von Praxiswissen und wissenschaftlichem Wissen – Unterschied liegt nicht im Inhalt, sondern im Wissen um die Prozesse der Wissensproduktion und ihre Machtwirkungen!
Offenlegung von Produktionsprozessen, Machtwirkungen, Interessensgeleitetheit und Verwertungszusammenhängen
Freier Zugang zu Universitäten – Gleichwertigkeit und aufeinander Verwiesensein von Praxiswissen und wissenschaftlichem Wissen
Sichtbarmachen der historischen Kontingenz jeden Wissens auch nach außen – Gesellschaft kann immer auch anders sein – Potenziale sozialer Veränderung erkennen
Aufgabe einer solidarischen Universität
wäre meiner Meinung nach, dorthin zu gehen wo es (1) gesellschaftliche Probleme gibt (z.B. Arbeitslose, Drogenabhängige) oder (2) Menschen versuchen, soziale Veränderungsprozesse einzuleiten (z. B. Alternativenforen) um dort mit den Betroffenen gemeinsam ihre Fragestellungen zu emanzipatorischen, selbstorganisierten Lösungsmodellen zu entwickeln (ich würde das unter einen etwas erweiterten Begriff von Inkubation fassen) und (3) dort wo schon selbstorganisierte Projekte bestehen, diese mit wissenschaftlichen Methoden zu fördern. Bei allen diesen Prozessen ist das aus der Praxis kommende Wissen dem wissenschaftlichen Wissen gleichwertig zu behandeln, so dass die neu entstehenden Strukturen beide Wissensformen beinhalten (das würde für mich vor allem Wissenstransfer bedeuten). Gerade im Aufbauprozess einer Solidarischen Ökonomie, ist daher das Wissen aus schon bestehenden selbstorganisierten Projekten eine wichtige Ressource, daher Vernetzung notwendig.

Zur Frage ist eine solidarische Universität noch eine Universität?

Nein, in dem Sinn, dass sie keine Institution zur Produktion, Sicherung und Reproduktion hegemonialen Wissens und Macht mehr ist.

Ja, in dem Sinn, dass sie universelles Wissen, also Wissen über Entstehungs- und Verwertungsprozesse und den Zusammenhang zwischen verschiedenen Wissensgebieten herstellen und zugänglich machen muss, also auch in einer solidarischen Gesellschaft eine wichtige Rolle für ihre Erhaltung zu spielen hat, dort allerdings nicht mehr mit alleiniger Definitionsmacht ausgestattet ist, sondern eher eine vermittelnde Position einnimmt.

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Franz Nahrada: Dogmatischer Pluralismus – Wie die Gegenstände der Geistes – und Gesellschaftswissenschaften entstehen

Wer von der Universität als Ort der Wissensproduktion vielleicht noch in Analogie zur Fabrik spricht, übersieht möglicherweise zweierlei:

Erstens den Umstand dass die endgültig und radikal vollzogene Trennung von Forschung und Lehre, wie sie der Bologna – Prozess vorsieht, die Universität primär als Funktionsträger der Produktion – oder sollte man besser sagen Selektion? – von qualifizierter Massenarbeitskraft bestimmt und die residualen Momente der Theorieproduktion bildungsökonomisch neu sortiert.
Zweitens aber, dass Wissen im eigentlichen Sinn nur im Bereich der Naturwissenschaften produziert und distribuiert wird. Die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften verfolgen das Ideal eines anwendbaren und womöglich noch in algometrisierbare Handlungsanweisungen übersetzbaren Wissens, sind aber genau deswegen und gerade darin funktional dass sie kein Wissen produzieren.

Diese beiden Punkte sind essentiell für die Strategiefindung einer sich politisierenden studentischen Bewegung und für die Begründung einer solidarischen Ökonomie der Universität. Im folgenden dazu einige thesenhafte Anmerkungen /Ableitungen.

1. Was fällt auf an der Uni? Das mehr oder weniger lieblos präsentierte Wissen ist gleichgültiges Material für Prüfungen, es wird nicht nach seiner Richtigkeit gefragt. Darüber wird anderswo entschieden. Der studentische Massengeschmack hat das längst akzeptiert und präferiert alles, was nicht nach Theorie riecht, sondern anwendbare Methoden offeriert, zum Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit genauso wie zum Erledigen der Berufspflichten. Darin ist praktisch wahr gemacht, dass Wissen zunehmend dieselben Funktionen erfüllt wie in der Schule: Versorgung mit einem Set von Verhaltensmaßregeln auf der einen Seite, Material der Aufteilung auf die Hierarchie der Berufe auf der andern Seite.

2. Und davon gibt es mehr als genug: es gehört geradezu zum Gütesiegel der GGW, dass über ein und denselben Gegenstand mehrere einander widersprechende Theorien existieren. Dies ist den Protagonisten kein zu beseitigendes Ärgernis, sondern Ansporn zur ständigen Erkundung dessen, was an Betrachtungsweisen noch möglich ist. Jeder Minimalisierungs- und Axiomatisierungsanspruch ist geschwunden. Stattdessen blüht ausgerechnet in der Wissenschaft ein Kult und Betrieb der Originalität, der Unaufhörlichkeit des gedanklichen Konstruierens und Dekonstruierens, des bemühten Vergleichens der Ergebnisse, der Neuerfindung von Aspekten und Perspektiven des Vergleichs usw – ohne dass jemals eine kleine Erkenntnis die ständig anwachsende Bibliothek verkehrter Deutungen überflüssig machen könnte.

3. Obwohl die Universität staatliche Veranstaltung ist, gibt es für deren Funktionäre keine prinzipiellen staatlichen Anweisungen zum Denken – auch wenn immer mehr die Auftragsforschung blüht. Doch wäre es verkehrt erst an diesem Punkt die Formbestimmung, die Unterwerfung unter die gesellschaftlichen Zwecke zu entdecken. Denn die Freiheit der Wissenschaft selbst, in deren Auftrag der Staat die Universität unabhängig von einzelnen Drittmitteln am Leben erhält, ist die wesentliche Formbestimmung. Gerade in der Abtrennung von den gesellschaftlichen Zwecken liegt die Garantie, dass sich Wissenschaft als geistiges Zulieferunternehmen nützlich macht.

4. Das hat einerseits eine parodistische Seite, mit der auch nur bedingt Schluss gemacht wird, weil sie eben notwendig dazugehört. In ihren selbstgesetzten Aufgaben kennt die GGW noch nicht einmal die dem “normalen Menschenverstand” geläufigen Kriterien des Wichtigen und Unwichtigen. So bot die Welt der Universitäten bislang das lächerliche, doch hoch in Ehren gehaltene Schauspiel zahlloser erwachsener Menschen, die Jahre ihres Lebens mit der erbittert verteidigten “Analyse” einer Handvoll Gedichte verbringen; oder mit der Streitfrage, ob die Pyramide oder die Zwiebel das passendere Modell für eine “mobile Gesellschaft” sei; oder mit mathematischen Formeln für ein ökonomisches Fließgleichgewichts, deren sämtliche “Faktoren” sich einer Definition verdanken, die deren Tauglichkeit für die Erstellung einer mathematischen Theorie im Auge hat und sonst nichts; oder mit der Sammlung von Quellen zur mittelalterlichen Theologie des Schutzengels; oder … – dieser Betrieb soll nun nicht eingestellt, sondern „quantitativ“ geregelt werden und einer verantwortungsvollen Elite vorbehalten bleiben.

5. Das hat eben aber auch die ernste Seite, dass gerade darin die Wissenschaft gerade in dieser ihrer unmittelbaren Erscheinungsweise auf eine Gesellschaft verweist, die sich aus Wissen nicht bestimmt. Den Wissenschaften ist mit ihrer Festlegung auf das theoretische Reflektieren die Qualität entzogen, tatsächlich gesellschaftliches Handeln zu bestimmen. Darin können sie sich einer stolzen und langen Tradition rühmen: denn schon die christliche Tradition der Antike spaltete die Welt in Theologisches und Physikalisches. Was nicht der kirchlichen Autorität unterstehen will, konnte nicht eine Norm oder menschliches Gesetz sein, sondern allerhöchstens Natur. Die späte Sekularisierung oder Aufklärung hat mit diesem Prinzip keineswegs gebrochen, sondern Normativität entweder der Willkür überantwortet oder eben wiederum der Natur, wie man schon an der aberwitzigen Konstruktion des Naturrechts sieht. Das eine Mal hat die Wissenschaft schlicht nichts zu sagen, sondern höchstens methodisch kontrolliert zu dienen, dafür darf sie beim andern mal umso mehr ihren Finger erheben und eine außermenschliche Autorität postulieren, als deren Interpret sie sich aufführt. Was früher der liebe Gott war, ist jetzt die Normalität, Wesensgemäßheit.

6. Innerhalb der Wissenschaft(-sethik) gilt so einerseits die Enthaltsamkeit in Sachen Einmischung geradezu als Tugendbeweis und besitzt den Charakter einer innerwissenschaftlichen Vorschrift:

***Wertfrei*** muss Wissenschaft sein, wenn sie anerkannt sein will, lautet dieser Imperativ. Und gemeint ist mit dem Wertfreiheitspostulat nichts anderes als das Verbot, aus der Funktionalisierung per staatlichem Geistesghetto auszubrechen und aus wissenschaftlicher Erkenntnis heraus gesellschaftliche Zusammenhänge bestimmen zu wollen. Das korreliert mit dem

***Pluralismusgebot *** Denn jedes dieser Gedankengebäude bezieht seine Geltung nicht aus seiner Stimmigkeit, sondern aus seiner Freiheit, sprich: aus seiner potentiellen Brauchbarkeit für praktische oder ideologische Zwecke in der bürgerlichen Gesellschaft.

7. Auf der anderen Seite lebt gerade in dieser freien Sphäre des Geistes, die sich selbst gegen jeden Normativitätsanspruch geradezu hysterisch verteidigt, die Sucht nach der Entdeckung neuer, tieferer und unabweisbarerer Notwendigkeiten, denen der Mensch bei Strafe des Abnormen, Dysfunktionalen, Asozialen etc. nachzukommen hat. Die Konstruktion der Gegenstände der Geistes- und Gesellschaftwissenschaften lebt vom erfinderischen Aufweis von Gesetzmäßigkeiten, die einem Naturgesetz gleich dem Blick des berufenen Interpreten zugänglich sind und unbedingt mehr Berücksichtgung, Würdigung und Dotierung von Seiten des Staates verdienen. Da geht es beim staatlichen Durchsetzen von Prioritäten immer gleich ums Problem der Ordnung und der Regeln schlechthin, der Psychologe entdeckt wieder den Menschen im Kampf um sein inneres Gleichgewicht, der Soziologe sorgt sich auch bei Tourismus und Fußballspiel um Balance und Orientierung der Menschen in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang, der Historiker mahnt vor Nichtbeachtung der Geschichte, der Pädagoge sorgt sich um die Menschgemäßheit der Sortierung, Orchideenwissenschaften mahnen um den Wert des Nichtökonomisierten, und Philosophen schließlich weisen ständig die Untauglichkeit der Wissenschaft für die Beantwortung moralischer Fragen nach, um sich selbst, und zwar ganz gegenstandslos, in Szene zu setzen. Das alles ist ein Supermarkt, an dem sich jeder frei bedienen kann. Doch nur In den Händen der Macht, die es gibt, gewinnt solches Schein-Wissen überhaupt Wucht und Bedeutung, weil es ihren politischen Zwecken einen Schein von Notwendigkeit verleiht.

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Martin Birkner: Warum auch 2009 die Universität zerschlagen werden muss

Erste Thesen zu gesellschaftlicher Arbeitsteilung und Universität im postfordistischen Kapitalismus und deren Überwindung

Im Folgenden soll thesenartig Rolle und Transformation der gesellschaftlichen Arbeitsteilung für die Aufrechterhaltung oder aber Überwindung kapitalistischer Verhältnisse nachgezeichnet werden. Ein derartiger Blickwinkel hilft hoffentlich dabei, die Unmöglichkeit fortschrittlicher bildungspolitischer Bewegungen und Forderungen ohne Berücksichtigung des gesamtgesellschaftlichen Kontextes sichtbar zu machen. Einige unbedingt einzubeziehende Aspekte werden aufgrund der Kürze vernachlässigt, sind aber für eine grundsätzliche Universitätskritik in handlungstheoretischer Absicht unverzichtbar: Sexismus und geschlechtliche Arbeitsteilung, Rassistische Exklusionsmechanismen und Teilungen, eine Kritik sowohl der Bildungsinhalte als – und vor allem – auch der Form universitärer Wissensvermittlung, die Kritik der Rolle von WissenschaftlerInnen – auch der kritischen – an der Reproduktion kapitalistischer Strukturen, etc.

a) Wir leben im Zeitalter der reellen Subsumption der gesamten Gesellschaft unter das Kapitalverhältnis. Nicht mehr nur die Arbeit, sondern das ganze Leben wird – zumindest tendenziell – den Reproduktionserfordernissen des Kapitals unter- bzw. eingeordnet. Es gibt kein Außen mehr.

b) Dies gilt auch für die Widerstände und emanzipativen Bewegungen gegen den Kapitalismus. Angesichts der Tatsache, dass selbst jene Bewegungen, an die sich historisch am ehesten anknüpfen ließe, letztlich zumindest zur Weiterentwicklung, wenn nicht zur Verfeinerung und Dynamisierung kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse beigetragen haben, kann es keinen archimedischen Punkt emanzipativer Kritik mehr geben. Der Staat war dies ohnehin nie, aber auch die Parteiform oder das Sich-Berufen auf revolutionäre Subjekte „an sich“ ist Schnee von gestern. Stattdessen gilt es, den kapitalistichen Betrieb der Universität am Funktionieren zu hindern und gleichzeitig und -wertig eingene Formen der Wissensproduktion, -distribution und -aneignung zu entwickeln, eben eine solidarische Ökonomie der Bildung.

c) Da auch der postfordistische Kapitalismus ganz zentral auf der Teilung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit beruht, gilt es die Veränderungen dieser Arbeitsteilung zu erkennen. Diese Veränderungen aber sind selbst wieder von (vorangegangenen) Widerstandsbewegungen und sozialen Kämpfen abhängig (siehe b). Die Veränderung der klassischen kapitalistischen Arbeitsteilung zwischen „Kopf-“ und „Handarbeit“ wurde nicht zuletzt durch die 1968er-Bewegung und die zweite Frauenbewegung theoretisch und praktisch in Frage gestellt.

d) Das Bildungssystem und insbesondere die Universitäten, waren und sind zentrale Institutionen dieser Arbeitsteilung. Ein Universitätsabschluss garantierte in hochfordistischen Zeiten mehr oder weniger die Teilnahme an der „kopfarbeitenden“ Elite. Der Übergang zur Massenuniversität, begleitet von den massiven sozialen Kämpfen der 1960er und 70er Jahre führte zu einer Veränderung der zuvor relativ klaren und stabilen Trennungslinie zwischen Intelligenz und Proletariat. Damit einhergehend wurde der akademische Titel als allgemeines Äquivalent universitärer Bildung entwertet. Zur Wiederaufwertung greift der kapitalistische Staat zu administrativen Maßnahmen wie Zugangsbeschränkungen, Studiengebühren, knock-out-Prüfungen etc.

e) Die Veränderungen im postfordistischen Universitätsbetrieb führten zu einer verfeinerten Abstufung der Bildungsabschlüsse. Die Einführung von Fachhochschulen, Privatuniversitäten oder unzähligen Post-Graduate-Studiengängen soll eine eng an die ökonomischen Bedürfnisse angeschmiegte fein-unterteilte Ausbildungslandschaft produzieren, ebenso die andauernden Reformen, Reformen der Reformen etc. Dies lässt jedoch auch auf eine gewisse Hilflosigkeit der Herrschenden hinsichtlich der An- und Einpassung des postmodernen Menschenmaterials an die Bedürfnisse des „Arbeitsmarktes“ erkennen. Etwas besser ist die ideologische Offensive gelungen: Kaum jemand studiert wirklich noch länger als die Mindeststudiendauer, die jetzt auch Regelstudiendauer heißt und der Anrufung der Studierenden als künftige ArbeitskraftunternehmerInnen wir weitgehend Folge geleistet.

f) Wer Elite sein wird, ist durch die Universität gegangen, der Umkehrschluss aber gilt nicht: Ein Universitätsabschluss ist heute grosso modo eher Garant einer prekären Ich-AG-Zukunft als ein Sprungbrett in die Elite. Auf diese Veränderungen muss die kritische Selbstreflexion der studierenden Subjekte reagieren.

g) Kritische Wissenschaft darf sich nicht ausschliesslich auf Wissensinhalte beschränken sondern muss mit Wissenschaftskritik, d.h. Der Infragestellung der Identität als StudentIn bzw. WissenschaftlerIn ebenso einhergehen wie mit der Suche nach neuen, antihierarchischen und partizipativen Formen der Wissensaneigung bzw. -vermittlung.

h) Eine Kritik des postfordistischen Kapitalismus darf die Kritik der Universität ebensowenig ausklammern wie eine universitäre Protestbewegung das Eingebundensein der Bildungsinstitutionen in den kapitalistischen Reproduktionszyklus. Im – zumindest in den metropolitanen Regionen der Erde – zunehmend wissensbasierten Kapitalismus wird das Wissen selbst zur vergesellschafteten Produktivkraft. Dies ist eine Chance, weil:

i) Die assoziierten WissensproduzentInnen nicht mehr auf eine außerhalb ihrer Assoziation existierenden planenden oder anleitenden Instanz angewiesen sind. Dazu hat gesellschaftliches Wissen eine Eigenschaft, die es von materiellen Waren unterscheidet: Es verschwindet nicht beim „Konsum“, im Gegenteil vermehrt es sich dadurch und wird „angereichert“. Diese bietet der Perspektive der Wiederaneignung gesellschaftlicher Produktion in solidarischer Absicht einen optimalen Nährboden: Wir brauchen zur Wissensproduktion weder Staat noch Kapital, vielleicht aber ganz rasch ein bedingungsloses Grundeinkommen.

j) Laut aktuellen Studien lebt rund die Hälfte der Studierenden in diesem Land an oder unter der Armutsgrenze, während Privatuniversitäten, Exzellenz-Cluster, Forschung im Dienste der neuen Kriege, industrienahe Lehrstühle und Drittmittelfinanzierung den Kapitalismus immer unvermittelter die ehemaligen Elfenbeintürme in deterretorialisierte Werkshallen der nunmehr gesamtgesellschaftlich gewordenen Fabrik verwandeln. Die Universität im Kapitalismus wird direkt zur kapitalistischen Universität, sie produziert mittels Warenförmigen Wissen die für den Kapitalismus wertvollste Ware: Die Ware Arbeitskraft, einerseits vollständig unter das Kapitalverhältnis subsumiert und gleichzeitig, wie vorhin bereits angesprochen, potenziell autonom von seiner kapitalistischen Form. Da müssen wir durch.

k) Mögen die Räte der Massenintellektualität sich mit den multiplen Widerstandsbewegungen gegen die kapitalistischen Zumutungen vernetzen. Es gibt jedenfalls keine Chance mehr für ein zurück zu halbstaatlichen Interessensvertretungen, fordistischen Mitsprachemodellen, es gibt keine vom gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang loszulösende „Bildungspolitik“, die nicht Standespolitik wäre. Die Perspektive kann nur heißen: “Bildung für alle!“ als antikapitalistische Parole zur Geltung zu bringen, Räume besetzen, Kosten in die Höhe treiben, die Zeit zurückerobern, solidarische Bildungformen entwickeln, die Proteste ausdehnen und mit anderen verknüpfen, also letztlich, angelehnt an einen von Andre Gorz bereits 1970 unterbreiteten Vorschlag: Die kapitalistische Universität am Funktionieren hindern.

wien, 15.11.09